Der Bierhotelier: Wie es Bernhard Sitter gelang, aus einem Wirtshaus das 1. Bier- und Wohlfühlhotel zu machen

Bernhard Sitter

Bernhard Sitter schenkt in seinem Hotel nicht nur Biere aus der eigenen Brauerei aus, sondern insgesamt 100 verschiedene aus aller Welt. (Foto: Manuela Lang)

Von Manuela Lang

 

Er hat immer schon gern eine Halbe Bier getrunken, aber der „große Säufer" war er nie, sagt Bernhard Sitter. Der 51-jährige Waidler ist ein Genussmensch. Spätestens, wenn er anfängt, von den Unterschieden der Biere zu schwärmen, ist das klar.


Bernhard Sitters Großeltern waren Vertriebene aus dem Böhmerwald, die sich in der Nähe von Neureichenau (Landkreis Freyung-Grafenau) niederließen. Sie kauften 1951 das Haus, das heute Ziel von tausenden Touristen aus dem In- und Ausland ist. „Damals gab es in der Region wenige Beherberungsbetriebe, wir waren einer der ersten hier", blickt Sitter in der Familiengeschichte zurück. 1963 übernahmen seine Eltern den Betrieb, 1983 stieg dann Bernhard ein.

 

Während des Gesprächs an seinem Stammtisch, kommen immer wieder Gäste vorbei, die sich verabschieden. „Servus, Bernhard. Schee war's wieder", meint einer und schlägt ihm freundschaftlich auf die Schulter. Bernhard Sitter ist ein Kumpeltyp. Ein sehr erfolgreicher Hotellier, aber dennoch bodenständiger Unternehmer - einer, der keinen Wert darauf legt, gesiezt zu werden. „Merce, kemmts wieder!" Sein Haus und seine Arbeit sprechen für sich und sie tuen es in einer Sprache, die jeder versteht. Familiär und dennoch respektvoll. Und so präsentiert sich auch das Haus selbst: Ein Ort, an dem man sich sofort wohlfühlt wie im Wohnzimmer bei guten Freunden, aber mit so viel Stil, Luxus und ungewöhnlichen Besonderheiten ausgestattet, dass sich der Gast immer auch als König fühlt.

Das Bier Bottich Bad von Bernhard Sitter

„5 B“-Anwendung: „Bernhards Bayerisches Bier Bottich Bad“. (Foto: Manuela Lang)

Vielleicht liegt das daran, dass das 1. Bier- und Wohlfühlhotel Deutschlands bis Anfang der 80er Jahre hauptsächlich ein Wirtshaus mit angeschlossener Pension war. „Seitdem haben wir zehn Mal groß gebaut", erzählt Bernhard Sitter. Doch der entscheidende Schritt, der Sitters Leben „komplett verändert" hat, war die Ausbildung zum Biersommelier im Jahr 2005. Durch Zufall hat er von einem österreichischen Freund davon erfahren. „Der liebe Gott hat das nur für mich erfunden", ist Sitter auch zehn Jahre nach seinem „Diplom" noch Feuer und Flamme. Vor fünf Jahren machten auch Sitters Sohn und Schwiegersohn den „Diplom-Biersommelier" - diese geballte Kompetenz in Sachen Bier findet man in keinem anderen deutschen Hotel.


Und so werden nicht nur die Biere aus der eigenen Brauerei, sondern 100 Sorten aus der ganzen Welt ausgeschenkt.

Das Thema Bier begegnet einem aber nicht nur beim Essen und Trinken, sondern zieht sich durch das gesamte Hotel. Es ist überall präsent: Die Rezeption ist ein Sudkessel, im Wellnessbereich kann man sich die „5 B"-Anwendung gönnen, „Bernhards Bayerisches Bier Bottich Bad", in den Zimmern ist das Bett einem großen Holzfass nachempfunden oder in den Holzmöbeln sind Krug und Flasche als Embleme zu erkennen. Es gibt sogar ein eigenes Brauereikulturmuseum zu besichtigen.

Zimmer im Bierhotel von Bernhard Sitter

In den Zimmern des Sitter-Bräus ist das Bett einem großen Holzfass nachempfunden. (Foto: Manuela Lang)

Eines der Aushängeschilder des Hotels ist das Bierkulinarium, hier werden Fünf-Gänge-Menüs mit begleitenden Bieren serviert. Bernhard Sitters große Leidenschaft, wie könnte es auch anders sein, sind die Bierproben, bei denen je nach Wunsch der Gäste 25, 35 oder gar über 50 Biere verköstigt werden. „Natürlich nur ganz wenig, das ist keine Sauferei", lacht Sitter. „Früher haben die Weinkenner blöd dahergeredet, wenn es um Bierproben ging. Aber was trinkt man als erstes nach einer Weinverkostung, um die angestrengten Geschmacksnerven zu neutralisieren? Ein Bier!" Mittlerweile sei man auf Augenhöhe, meint Bernhard Sitter, der selbst auch gern mal einen Wein trinkt. „Beides gleichberechtigt eben, wie alles im Leben."


Viel Erfahrung konnte er im Bereich Verkostung schon sammeln, beim „European Beer Star" ist er seit elf Jahren Preisrichter, beim „World Beer Cup" war er bereits fünf Mal dabei. „Die Vielfalt ist enorm, wir kennen vieles gar nicht."
Man darf also gespannt sein, was sich in Sachen Bierkultur in den nächsten Jahrezehnten noch alles ändert...

Das Hotel selbst, an dem regelmäßig gebaut wird, wird dann sicher anders aussehen als heute, aber das Flair wird noch dasselbe sein: gemütlich-elegant, mit gehobenem Niveau, das aber nie abgehoben wirkt.

Jahrgangsbier: „Hält fast ewig"

Bernhard Sitters neueste Leidenschaft sind „abgelaufene" Biere, auch Jahrgangsbiere genannt. „Ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Bier ist ein Schmarrn, das gibts beim Wein auch nicht", so Sitter, denn es könne nichts Gesundheitsgefährdendes in einem Bier wachsen. „Im schlimmsten Fall schmeckt's halt nicht mehr." Doch, wenn frisches Bier bei niedrigen Temperaturen gelagert wird, dann hält das „fast ewig". „Es ist erstaunlich, welche Geschmäcker sich im Laufe der Zeit entwickeln. Wie beim Wein ist auch beim Bier nicht jeder Jahrgang gleich, das Getreide und der Hopfen sind immer anders und das schmeckt man auch." Vor allem Biere mit hohem Alkoholgehalt würden sich für diese langfristige Verwendung eignen. „Ich hatte kürzlich eine Nelson-Weiße, die war 2013 'abgelaufen', das hat weltklasse geschmeckt. Oder Schneider vertreibt einen dreijährigen Aventinusbock in Amerika – mit Erfolg, so dass man künftig sogar ein fünf Jahre altes Bier dort auf den Markt bringt. Wir verkaufen den Aventinus zurück bis zum Jahrgang 2003, jeder Jahrgang kostet einen Euro Aufschlag. In der Kühlung haben wir Biere, die halten mittlerweile bis 2029."

Biervielfalt bei Bernhard Sitter

Insgesamt 100 Biere aus verschiedenen Ländern hat Bernhard Sitter in seinem Repertoire. (Foto: Manuela Lang)