Kalter Schaum, warmer Kuss: Michaela Stöberl ist Straubings einzige weibliche Biersommeliere

Michaela Stöberl

Michaela Stöberl prostet mit einem India Pale Ale. Jede Biersorte hat ihr eigenes Glas. (Foto: Susanne Raith)

Von Roland Kroiss

 

Ein heißer Metallstab dringt ein ins bauchige Rund. Wie ein Tauchsieder bringt er das Starkbier in Wallung: Die vergorene Mischung aus Hopfen, Gerste und Malz verändert sich in der Hitze, karamellisiert und entwickelt Röstaromen. „Dieses Geschmackserlebnis ist unvergleichlich", sagt Michaela Stöberl. „Wer davon kostet, bekommt nach dem kalten Schaum einen warmen Kuss auf die Lippen vom warmen Bockbier darunter."

 

In der Fastenzeit packt die Bierexpertin dieses vergessenes Relikt aus der Goldenen Epoche der bayerischen Biertraditionen aus: das „Bockbier-Stacheln".

 

Bis zum Ostersonntag am 27. März kann man solche Aktionen im „Wirtshaus zum Geiss" am Theresienplatz erleben. Man muss vor allem wissen, wie das geht. Und dass es die Tradition überhaupt gibt und wie man sie wiederbelebt. Allein schon dafür müsste man Michaela Stöberl umarmen. Und auch Straubing profitiert davon, dass die Geschäftsführerin der „Goaß" mit dem Banner des Bier-Wissens lächelnd durch ein Heer der Ahnungslosen schreitet. Neben den Biersommeliers Sepp Schadenfroh und Christof Kämpf von der Karmelitenbrauerei ist sie Straubings einzige Bier-Sommelière und natürlich auch die einzige Bier-Expertin dieser Art weit und breit. Denn das Thema Bier ist immer noch weitgehend Männersache, gerade in Niederbayern.

Wie es dazu kam

Michaela Stöberl

Auf der Doemens-Akademie hat sie alles über Bier gelernt. (Foto: Susanne Raith)

Michaela Stöberl, die Wirtin aus Leidenschaft mit dem ansteckenden Lachen, beschäftigte sich zunächst mit Wein und versuchte, den Gästen Wein-Tipps zum Essen zu geben. „Doch Wein zieht einfach nicht richtig in unserer Wirtschaft, zu der Bier viel besser passt." Weltweit gibt es übrigens 150 Bierstile.

 

Erkannt, gesagt, getan. Miss Stöberl zog aus, die Bierwelt zu erkunden und Bierwissen aufzusaugen. Wer sie zum Tasting bucht oder vorsichtig fragt, wie viele Sorten es gibt und woran man welches Bier erkennt, öffnet die Büchse der Pandora – im positiven Sinn. Denn aus der zertifizierten Bier-Sommeliere sprudelt das Wissen nur so heraus und zig verschiedene Bierflaschen aus aller Herren Länder stehen in Sekundenschnelle auf dem Tisch.

 

Sie erklärt uns, dass Craftbeer kein Starkbier ist – was viele vermuten – sondern handwerklich in kleinen Mengen hergestellt. Das erklärt den Boom von Micro Breweries. Wir lernen, dass spannendes und außergewöhnliches Bier zum Beispiel aus Belgien kommt: Sorten wie das „Wit-Bier" erfüllen nicht das Deutsche Reinheitsgebot. Doch deswegen sind sie nicht schlecht – und schmecken nach mehr: Aromen von Koriander, Kardamom und Orange oder Zitronengras quellen aus dem Glas und schlüpfen in den Gaumen. Das belgische Sauerbier Lambic ist gewöhnungsbedürftig für deutsche Kehlen, weil spontan vergoren und säuerlich in der Note. Die Brauer von Delirium Tremens werben mit rosa Elefanten für die berauschende Wirkung. Das berühmte englische Guinness dagegen ist ein irisches Dry Stout. Biere wie das Pilsener Urquell dagegen haben ein unverwechselbares „Sahnebonbon-Aroma". Das Pils allgemein hat seinen Ursprung 1842 in Pilsen. Daher der Name.

India Pale Ale

Michaela Stöberl

Sommeliers schulen ihren Geschmacks- und Geruchssinn. (Foto: Susanne Raith)

Ein erklärungsbedürftiger Klassiker, den sie immer wieder empfiehlt, ist das „IPA", englisch buchstabiert. Dieses „India Pale Ale" ist ein hopfengestopftes Bier mit einer höheren „Bittere", wie der Fachmann sagt. IPAs sind obergärige, unfiltrierte, kaltgehopfte Biere. „Sie glänzen mit einem opulenten Bouquet", wie Michaela weiß, „sind süß im Antrunk, gefolgt von enormer Bittere. Es ist der weltweit meistgetrunkene Craftbeer-Stil.

 

Doch besondere Biere kommen auch aus Bayern: Zum Beispiel von Markus Hoppe vom Tegernsee oder von „Brandy´s Braugarage" in Wallersdorf. Inhaber Johann Brandstetter ist Stammlieferant der „Goaß" in Straubing und tüftelt fleißig an seinen eigenen Craftbeer-Variationen. Sein hauseigener Shop ist die beste Adresse für besondere Biere im Raum Straubing-Deggendorf-Plattling: Dort entdeckt man momentan circa 85 lokale, nationale und internationale Craft-Biere und Bier-Delikatessen. Spezialitäten wie den Ruaßigen Woiperdinger oder die Amarillo Weiße braut Brandstetter selbst. Auch die berühmten „Belgier" hat er auf Lager.

 

„Die Brauer, Sommeliers und Bierleute mögen sich alle und halten fest zusammen", sagt Michaela Stöberl. Ein Kontakt kommt fließend zum anderen. Die Begegnung mit Bier-Sommelier Christoph Kämpf von der Karmeliten-Brauerei war eine Initialzündung für sie. Das exquisite Karmeliten-Jahrgangs-Gourmetbier „Impendium" verkauft sie im Gasthaus.

Ein interessanter Kontakt ist auch Michael Sturm, Braumeister und Biersommelier von der Landauer Krieger-Brauerei, mit seinem Shop „Mikes Wanderlust".

 

Sebastian Jakob vom Brauhaus Nittenau ist auch eine wichtige Quelle für Biere und Inspirationen.

 

Überhaupt: Alkohol allgemein und Bier im Besonderen soll man „maßvoll genießen und eben nicht Mass-voll", so Michaela Stöberl augenzwinkernd. Es gebe eben das „normale Biertrinken" bekannter heimischer Sorten - und das reine Genusstrinken und Testen von Craftbeer. Michaela Stöberl: „Bei allem Wissen rund um den Gerstensaft handle ich aus purer Liebe zum Bier. Ich glaube auch fest, das Bier-Genießer gesünder leben als unterbierige Menschen, denn der Hopfen hat eine antiseptische und beruhigende Wirkung."

Eine Auswahl der Biere in der "Geiss". Sorten aus Irland, Belgien und Bayern sind dabei. Weltweit gibt es 150 Bierstile. (Foto: Susanne Raith)

Bierauswahl in der