Warum regionales Bier das beste ist – und Brauereien trotzdem aussterben

Peter Altmaier und Josef Zellmeier

Auch wenn er bisher nicht wusste, dass es so etwas gibt: Am Ende hat Peter Altmaier (links) auch ein regionales Bierprodukt erkennbar sehr gut geschmeckt. (Foto: Elisabeth Ammer)

Von Wolfgang Engel

 

Keine Ahnung, was der Kanzleramtsminister Peter Altmaier kürzlich beim Neujahrsempfang in Geiselhöring politisch so alles gesagt hat, die einen sehen das so und die anderen so, und ich war nicht dabei. Aber wenn er statt „Alois Rainer" tatsächlich „Aalies Rainer" gesagt hätte, mit hellem a und langem i, wär' das schon ein dicker Hund. Und wenn er auch noch, mitten im Geiselhöringer Hof, im Erl-Brauereisaal, gesagt hat, dass er an diesem Tag schon in Erding war, „wo das gute Weißbier her ist": Dann wird's echt schwierig.

 

Erdinger braut 1,8 Millionen Hektoliter im Jahr, exportiert in 95 Länder, und kein Fußball-TV, wo sie uns nicht irgendwann einen Erdinger-Spot reindrücken; ist ja auch okay, noch ist es ein freies Land. Aber wer wissen will, wo der Trend beim Bier hingeht, der sollte eher mit Michaela Stöberl als mit Altmaier sprechen. Die ist die Chefin im Wirtshaus Zum Geiß, hat Biere von 20 verschiedenen Brauereien und ist ausgebildete Bier-Sommeliere. Wer das ist, kennt sich aus mit dem Bier. Also, sagt der Trend? „Regional", sagt Michaela Stöberl.

 

Gut, Erding ist grad noch regional, irgendwie, könnte man sagen. Aber kann eine Brauerei mit 1,8 Millionen Hektolitern, 95 Ländern und nationaler TV-Präsenz wirklich noch echt regional sein? Oder ist das nicht doch eher ein Konzern und ein Fernsehbier? Nichts gegen ein Fernsehbier; die Geschmäcker sind verschieden, dem einen schmeckt dies und dem anderen das, die Katze mag Mäuse und ich mag sie nicht, und außerdem sagt ein Freund, dass man den Unterschied zwischen Großkonzernbier und regionalem Bier eh gar nicht schmeckt. Aber „oh, ja!", sagt Michaela Stöberl, „die Malzaromen, die Hopfennoten: Bei einem regionalen Bier schmeckt man das viel besser raus."

Die Fernsehbiere sind unter Druck

Die meisten der 20 Brauereien auf der Goaß-Karte hat Michaela Stöberl sich schon selber angeschaut. Sie kennt die Braumeister, sie weiß, wie sie arbeiten, und dass das Handwerk ist, „Craft beer", würden die Amis sagen. Noch vor ein paar Jahren waren Fernsehbiere absolut angesagt. Man sailte away mit einem Beck's und hat sich unglaublich global gefühlt, denn Beck's gehört zu Anheuser Busch InBev. Das ist die größte Brauergruppe der Welt, Hasseröder, Diebels, Spaten, Franziskaner, Löwenbräu gehören auch dazu.

 

Oder man hat „Bitte ein Bit" gesagt, und zu Bitburger gehören Licher, Köstritzer, Wernesgrüner und König Pilsener. Oder man hat ein Bier von Dr. Oetker getrunken, ein Jever, Radeberger, Tucher, Dortmunder oder Schöfferhofer, das alles und noch viel mehr ist Dr. Oetker. Dr. Oetker ist der Bierkönig von Deutschland. Alle diese Biere werden an ein paar Großstandorten gebraut. Dann werden sie kreuz und quer durch die Republik transportiert. Und im Supermarkt gibt es das Tragerl oft schon ab acht oder neun Euro.

 

Sonderangebote von Lebensmittelkonzernen und Großbrauereien machen Bier billig, ökologisch ein Irrsinn. In jeder Region gibt es ja auch regionale Brauereien, in Niederbayern zum Beispiel 72. Doch weil sie klein sind, tun sie sich mit Sonderangeboten hart. Aber jetzt schätzt der Bierfreund das Regionale offenbar wieder, „Fernsehbiere", vermeldet die Fachpresse jedenfalls, „sind unter Druck." Insgesamt ist der Bierabsatz in Deutschland wieder zurückgegangen, nur noch 79,5 Millionen Hektoliter vergangenes Jahr, 106 Liter pro Kopf. Immer noch ziemlich viel, Platz zwei im Europa-Vergleich hinter den Tschechen, aber es war schon einmal mehr. Der Höchststand war 1980, 147 Liter. Seitdem geht's nach unten.

 

Das Arco-Ziel: Wachstum auf 400 000 Hektoliter

Trotzdem haben die deutschen Brauereien im vergangenen Jahr insgesamt zugelegt. Der Export ins außereuropäische Ausland rettet das Geschäft. Im deutschen Markt verlieren die Fernsehbiere, dafür wächst der Export. Natürlich gibt es auch Regionalbrauereien, die exportieren. Arco zum Beispiel exportiert in die USA, nach China und andere Märkte, sogar den nordkoreanischen Markt wollte Arco vor gut einem Jahr einmal erobern. Aber das ist an Nordkoreas undurchdringlichem Politwirtschaftsdschungel gescheitert.

 

Es gibt im Internet eine sehr schön zu lesende Reportage der „Zeit" über Arco-Chef Holger Fichtel und das letztlich gescheiterte Nordkorea-Experiment. Aber abgesehen davon ist Arco unter Holger Fichtel erfolgreich geworden, unter den Kleinen ist Arco in der Region der Größte. Als Fichtel vor zwölf Jahren kam, hatte Arco 80 000 Hektoliter. Vor zwei Jahren waren es 160 000, und in diesem Jahr wird es auf die 200 000-Hektoliter-Grenze zugehen, „das", sagt Holger Fichtel, „kann ich jetzt schon sagen." Fichtel ist einer der wenigen, der kein Geheimnis aus dem Brauerei-Ausstoß macht. Selbstbewusst sagt er: „Wenn ich einmal gehe, will ich 400 000 Hektoliter übergeben."

 

Das Verkaufsgebiet wächst. Vor drei Jahren hat Arco Braurecht und Rezeptur des früheren Lang-Bräu Reisbach erworben. Seit zwei Jahren kooperiert Arco mit der Schlossbrauerei Grünbach bei Erding. Die Markteinführung der „Mooser Liesl" war ein Treffer. Demnächst füllt Arco für Irlbacher ab. Arco steigert die Auslastung, Irlbacher spart Kosten, Vorteile für beide. In der Branche wird das als möglicher erster Schritt zu einer Übernahme gesehen.

Auch andere sprechen von Wachstum

Könnte ja sein, denkt man in der Branche, dass beide entdecken, dass es rentabler ist, wenn eine kleinere Sorte gleich da gebraut wird, wo abgefüllt wird, und dann noch eine, und noch eine. Irlbacher-Pressesprecher Heinrich Franz Egerer schließt eine Aufgabe des Brau-Standortes Irlbach aber definitiv aus: „Sonst dürften wir das Volksfest nicht mehr beliefern." Irlbacher spricht ebenfalls von Wachstum, und das liegt im Export. Irlbacher liefert in die EU, nach Russland und China, „aktuell bereiten wir eine Abfüllung für Australien vor", sagt Egerer. Der Export hat um über zehn Prozent zugelegt. Und auch andere sagen: Es läuft nicht schlecht.

 

Karmeliten in Straubing zum Beispiel: Zuwachszahlen nennt Brauereichef Christoph Kämpf nicht. Aber in den vergangenen fünf Jahren hat Karmeliten jedes Jahr ein neues Bier gebraut, Brocardus, Impendium, Kellerbier, heller Bock und den fassgereiften Bourbon Doppelbock. Schon die Namen klingen besonders, „außergewöhnliche Biere, handwerklich gebraute Biere", sagt Kämpf, und: „Wir haben Wachstum".

 

Karmeliten sieht nur Straubing und Umgebung als seinen Markt. Es ist ein kleiner Markt, aber das Konzept geht offenbar so gut auf, dass Kämpf die Brauerei mit drei Millionen Euro modernisieren kann. Solar-, Biogas- und moderne Absorbertechnologien, Mikrogasturbine und noch viel mehr: Im Sommer will Karmeliten zu 50 Prozent energieautark sein und in ein paar Jahren zu 100 Prozent. Und auch Röhrl spricht wieder von Wachstum. „Knapp zehn Prozent" sagt Brauereichef Frank Sillner, wobei Röhrl wohl auch viel aufzuholen hat. Die Brauerei war marode, als Sillner übernahm, sie hat Marktanteile verloren.

 

Warum etliche es nicht schaffen werden

Die Investitionskosten in die Modernisierung dürften Röhrl noch einige Zeit belasten. Zu späte oder zu wenig Modernisierung sind die Hauptgründe für das Verschwinden vieler Brauereien in den vergangenen Jahren. Innstadt in Passau ist seit einem Jahr nur noch als Markenname; das Bier wird jetzt ein paar Kilometer weiter vom früheren Konkurrenten Hacklberg gebraut. Neun niederbayerische Brauereien haben in den vergangenen zehn Jahren aufgegeben. Etlichen Brauereien, wird in der Branche kolportiert, soll „das Wasser bis zum Hals" stehen. „Managementfehler", sagt Holger Fichtel zu den Gründen, warum Brauereien aufgeben müssen: Zu alte Technik, zu späte Investitionen und falsche Preispolitik.

 

Überproduktionen kommen zu Billigpreisen in den Markt. Viel geht in den Export, gern nach Fernost, auch bei kleineren Brauereien. China ist inzwischen der größte Biermarkt der Welt. Aber die chinesische Wirtschaft schwächelt, und deutsche Brauer reagieren in China genauso falsch wie auf dem heimischen Markt, findet Fichtel: „Wenn Sie anschauen, was in China passiert", sagt Fichtel, „Billigbier. Das ist das Paradebeispiel, wie von deutschen Brauern der Markt kaputt gemacht wird. Für deutsche Brauer zählt nur billig, billig, billig."

 

Im Einzelhandel, klagt der deutsche Brauerbund, werden bis zu 70 Prozent des Bierabsatzes über Rabatte verkauft. Für kleinere Brauereien ist das tödlich. Mittelständische Brauereien stehen in einem Preiskampf, den sie gegen Konzerne zu oft verlieren. Viele wurden von Konzernen geschluckt und nur der Markenname blieb, noch viele werden geschluckt werden. Wenn die nächste Investitionsrunde kommt, stellen viele fest, dass kein Geld da ist. Dass in zehn Jahren noch 72 Brauereien in Niederbayern sind, glaubt ernsthaft niemand.

Der entscheidende Hinweis der Bier-Sommeliere

In kleinen regionalen Brauereien wie in Geiselhöring herrscht im Moment aber Zufriedenheit. Bei Erl gilt die eigene Bügel-Weiße durchaus als Bier, das auch Peter Altmaier gut finden könnte. Erl ist ein Familienbetrieb seit 500 Jahren und 13 Generationen, und Familie senkt die Personalkosten. „Ein leichtes Plus", sagt Ludwig Erl über das vergangene Jahr, seine Strategie ist ähnlich wie bei Karmeliten. „China, Vietnam, das hat keine Langlebigkeit", glaubt Erl. Hektoliterzahlen nennt er natürlich nicht, aber er sagt, dass es hilft, dass er Hotel und Gasthof hat, regelmäßig investiert und die Söhne dabei sind. „Ohne Nachfolger in Sicht", sagt er, „ist das eine andere Sache." Ohne Familie wäre es eng.

Bei der Brauerei Klett von Otto Kienberger in Konzell ist das ähnlich: Klein, Familienbetrieb, zusammenhelfen, dann geht's. „Du musst schauen", sagt Otto Kienberger, „dass du deine Maschinen in Schuss hast, das ist das Wichtigste. Wir müssen nicht jedes Jahr Zuwachs haben, wir sind zufrieden, wenn wir alle Jahre das Vorjahr erreichen." Aber etwas ist in den vergangenen Jahren auch bei ihm anders geworden. „Den Trend zum regionalen Bier", sagt er, „den merken wir schon."

 

Der bisher auf Fernsehbier geeichte Peter Altmaier jedenfalls hat nach seinem Weißbier-Fauxpas ein Erl-Pils gereicht bekommen und dazu den Hinweis, dass die örtliche Brauerei eine sehr gute sei. Im Grunde derselbe Hinweis, den die Bier-Sommeliere Michaela Stöberl wunderbar neutral so formuliert: „Man darf", so empfiehlt sie, „Bier nie nach dem Kastenpreis kaufen. Man soll nach Geschmack kaufen." Genau, und hoffentlich bleibt Geschmack noch recht lang regional unterschiedlich.